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Ebbe und Flut an der Bay of Fundy
Die Mi'kmaq Indianer, die Nova Scotia lange vor den ersten Europäer
bewohnten, erzählen sich eine Legende, die erklärte, wie die
Naturwunder an der Bay of Fundy entstanden sind. Der mächtige Gott
Glooscap sei derjenige, der die riesigen Gezeitenunterschiede mit seinen
magischen Kräften kontrolliere und die beeindruckende Landschaft hier
erschaffen und beherrscht habe. Daher also der Name dieser Route, die am
Minas Basin, der östlichen Bay of Fundy-Küste entlang führt. Weiter südlich
windet sich der Glooscap Trail über den Highway 215 von Brooklyn
entlang der Küste nach Truro. Maximale Gezeitenunterschiede sind bei
Burntcoat Head zu beobachten. Bis zu 18 Meter kann der Unterschied
zwischen Ebbe und Flut sein. Wenn die Flut kommt, steigt das Wasser mit
bis zu 3 Zentimeter pro Minute. Von Truro aus führt der Glooscap Trail
weiter in Richtung Parrsboro. Dieser Teil des Trails ist wohl der
aufregendste Küstenabschnitt in Nova Scotia. Es gibt überall
ausgezeichnet beschilderte Wanderwege zu diesen Ereignissen
Pictou, der Geburtsort von Nova Scotia
Der Geburtsort von Nova Scotia ist Pictou an der Nordküste des Landes.
Hier landeten am 15.September 1773 das erste Schiff, die Hector, mit
schottischen Männern und Frauen. Dieser Anlaß wird in Pictou jedes
Jahr während des Hector-Festivals mit einem Schauspiel gewürdigt. Am
Hafen von Pictou kann auch eine Rekonstruktion des Schiffes besichtigt
werden. Ein Museum zeigt, was die frühen Siedler auf sich genommen
haben, und erzählt die Geschichte der Überfahrt.
Der Kejimkujik Nationalpark
Der „Keji“, wie man ihn hier salopp-liebevoll nennt, war die
traditionelle Heimat der Micmacs. Seine Seen sind das Fruchtwasser von
Nova Scotia, von hier aus laufen die Nabelschnüre hinaus in die Welt.
Ein weitverzweigtes System von Wasserwegen durchzieht das Hochplateau,
Flüsse, Seen, Wasserfälle. Früher haben die Indianer das Land von
West bis Ost nur auf dem Wasserwegen durchquert.
Vor allem Einheimische zieht es in den Nationalpark. Das ökologische
Bewußtsein in Nova Scotia ist in den letzten Jahren stark gestiegen.
Der Keji ist ein Symbol fürdas Kostbarste, was wir haben: unberührte
Natur.
Unberührt ist das nahe Annapolis Valley zwar ganz und gar nicht,
aber ein für hiesige Verhältnisse gradezu unverschämt blühender
Garten. „L'Acadie“ nannten die französischen Siedler diesen
Landstrich der Anklang an Arkadien, das Paradies auf Erden, ist wohl
kein Zufall. Riesige Obstplantagen dehnen sich da aus, an den Talrändern
buckeln sich bewaldete Berghänge, vor stolzen Bauernhöfen stapelt sich
das Holz. Schlichte Holzkirchen stehen am Strassenrand, die Friedhöfe
gehen über in saftige Wiesen, kein Zaun trennt die Toten von den
Lebenden. Plötzlich ziehen Wolken auf, Schatten jagen über die Häuserwände
von Annapolis Royal, der ältesten europäischen Siedlung Siedlung in
ganz Kanada. Blitzschnell schlägt das Wetter um, die ersten
Regentropfen fallen. In Leo's Café findet man Unterschlupf, endlich ein
Espresso, den man auch trinken kann. Kip McCurdy baut als letzter in
Nova Scotia hölzerne Kanus nach indianischer Tradition. „Bei uns hat
jeder ein Kanu, so wie Leute anderswo ein Fahrrad haben. Und Holzkanus
halten ewig. Ich repariere gerade eines.“
Etliche Fahrstunden weiter nördlich liegt New Glasgow. Der Trans
Canada Highway surrt pfeilgerade durch silbrig schimmernde Wälder. Ab
und zu taucht eine gälische Inschrift am Strassenrand auf, die Gegend
ist uraltes keltisches Biotop. In Pictou landeten 1773 die ersten
schottischen Einwanderer, und zwischen Pugwash und New Glasgow treffen
sich die alten Clans wie eh und je bei rauschenden Festen. Der harte
Kern der schottischen Fraktion zelebriert seine Stammesrituale während
der Highland Games in Antigonish, Baumstamm- und Axtweitwurf stehen da
beispielsweise auf dem Programm. In der familiären St. Francis Xavier
University werden auch keltische Studien betrieben. Trotz des kalten
Winds tragen einige auf dem Campus ihren Kilt. „Bei uns sprechen heute
noch rund achthundert Leute fließend
Gälisch“, sagt Hector Mac Neil, Leiter des Gaelic College von St.
Ann's auf Cape Breton. Das College liegt am Cabot Trail, der berühmtesten
Straße Ostkanadas. Der Trail führt rund um den nördlichen , felsigen
Teil von Cape Breton, unzählige Fjorde ziehen sich hier ins Land. Über
ein Hochplateau erreicht man die Westküste, die Hügelkuppen sind übersät
mit Heidekraut, Farnen und Birken, gewaltige Schluchten tun sich neben
der Fahrbahn auf, Bäche stürzen hinab ins Tal. Der Cabot Trail erinnert
an eine Achterbahn, droht mal in den Himmel zu kippen, mal ins Meer,
rollt dann aber, kurz vor Cheticamp, in sanftem Hügelland aus.
Der Küstenstrich zwischen Cheticamp und Belle Cote ist französisches
Terrain, die Leute hier scheinen fast alle LeBlanc zu heißen und wohnen
in schicken Häuschen mit gepflegtem Garten. Doch auch hier ist das
Schottische allgegenwärtig. Ob in Mabou, wo sogar eine Zeitung auf gälisch
erscheint, oder im abgeschiedenen Margaree Valley.
Das Margaree Valley läutet auch den letzten Teil des Cabot Trails ein.
Ein romantisches Flußtal windet sich da nach Süden, auf saftigen
Wiesen weiden Kühe und Schafe. Abends steigt Rauch aus den Kaminen der
alten Farmhäuser.
Am Bras d'Or Lake, kurz vor Badeck, liegt Wagmatcook, eines von
vier Indianer-Reservaten auf Cape Breton. In ganz Nova Scotia leben
heute nur noch rund siebentausend Micmacs. Ihre Sprache und Kultur ist
vom Aussterben bedroht.
Text von Jens Leibing
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